Konzert für Leonhard Euler in BaselPeterskirche, 13. September 2007, 20.15 UhrKonzertprogramm
Zur ProgrammkonzeptionZwischen den Werken dieses Konzerts und dem Leben und Denken von Leonhard Euler gibt es zahlreiche Verbindungslinien. Einige beziehen sich nur auf seine eigene Zeit, andere verweisen auf epochenübergreifende Denkweisen wie die Anwendung mathematischer Verfahren in der Kunst. Euler verfasste unter anderem die musiktheoretische Abhandlung Tentamen novae theoriae musicae ex certissimis harmoniae principiis diludice expositae. Es handelt sich um den seltenen Fall einer Arbeit, in der ein Vertreter der exakten Wissenschaften die Bausteine der musikalischen Materie, Konsonanz und Dissonanz, nicht nur nach der Seite ihrer Natur untersucht, sondern auch im Hinblick auf ihre Wirkung auf das Ohr, mithin das menschliche Schönheitsempfinden. Euler stützt sich dabei auch auf Boethius, dessen Musiktheorie im Mittelalter von grundlegender Bedeutung war. Mit dem 24 Jahre älteren Jean-Philippe Rameau, Komponist und Autor musiktheoretischer Schriften, stand Euler in Korrespondenz. Rameau sandte ihm am 30. April 1752 seine Nouvelles Réflexions de M. Rameau sur sa «Démonstration du principe de l’harmonie», und Euler antwortete einige Monate später mit einem Brief. Direkte Kontakte Eulers zu Johann Sebastian Bach sind nicht nachgewiesen. Doch die methodische Strenge von Bachs Fugen und Kanons und seine Kenntnis der bis in die Renaissance zurückreichenden kontrapunktischen Verfahren entstammen einem Weltbild, das demjenigen Eulers ähnlich ist. In der Musik des Komponisten, Mathematikers und Ingenieurs Iannis Xenakis, der stochastische und andere mathematische Verfahren in die Komposition einführte, setzt sich diese rationalistische Tradition bis in die Gegenwart hinein fort. An emotionaler Kraft büsst die Musik deswegen nichts ein. Und auch in meiner Komposition anomalia Lunae media werden die polyphonen Regeln der alten Meister auf verdeckte Weise wiederbelebt und in eine neue poetische Dimension überführt. Die Werke des heutigen Abends zeigen, dass die Grenze zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Erkentnis fließend ist. Abstrakte Mathematik kann sich im Klang manifestieren, und eine poetische Vision ist oft einer wissenschaftlichen Entdeckung vergleichbar. Bettina Skrzypczak (2007) |